Neubau Rathaus Schömberg

2025 / Wettbewerb 1. Preis / Schömberg

NRS K01 Aussen

Thema

Neubau Rathaus

BGF

x m²

Jahr

2025

Ort

Schömberg

Verfahren

Wettbewerb 1. Preis 

Entwurfskonzept

Wir schlagen einen klimagerechten Ersatzneubau vor, der sich in seinen Kontext einfügt und eine Affinität zum Ort aufweist.

Das neue Rathaus soll sich in die Altstadt einfügen und sie bereichern. Wir schlagen eine kontextuelle Architektur vor, deren architektonisches Regelwerk sich aus den besonderen Qualitäten des Ortes ergibt. Der Ersatzneubau soll sich städtebaulich einfügen und die Geschichte der Stadt weiterschreiben. Gleichzeitig soll er einen eigenständigen architektonischen Ausdruck finden, der der Stadt Schömberg ein „zeitgemäßes Gesicht” verleiht und für die Nutzung eines zukunftsorientierten Rathauses angemessen ist.

Prägendes Element der Schömberger Altstadt sind die verbindenden Traufgassen. Diese Besonderheit greifen wir in unserem Vorschlag auf und führen sie durch die zentrale Rathausgasse fort. Die zentrale Schnittstelle der Rathausgasse ist als Kommunikationsraum konzipiert. Sie soll nicht ausschließlich als Durchwegung, sondern als öffentlicher und lebendiger Raum verstanden werden, in dem die bürgernahen Funktionen des Rathauses untergebracht sind. Im Inneren manifestiert sich die Gasse als kollektiver vertikaler Ort, an dem das gemeinschaftliche Kommunizieren auch architektonisch eine zentrale Rolle einnimmt.

Formal orientiert sich unser Entwurf weniger an der baulich heterogenen Nachbarschaft als vielmehr an der Verzahnung mit den besonderen Qualitäten der mittelalterlichen Stadt Schömberg.

 

Städtebauliche Setzung und Adresse

Das städtebauliche Konzept sieht einen neuen Stadtbaustein vor, der sich in Maßstäblichkeit und Kubatur am Bestand orientiert und diesen zeitgemäß interpretiert. Schömberg wird durch eine Vielzahl von Plätzen und Gassen geprägt. Diese haben im Laufe der Geschichte je nach Macht- und Herrschaftsstrukturen sowie Nutzungsnotwendigkeit immer wieder ihre Bedeutungen und Bezeichnungen verändert. Die städtebauliche Setzung des neuen Rathauses sowie die Gestaltung der Außenräume werden aus dieser Historie und der daraus resultierenden Hierarchie der städtischen Außenräume entwickelt.

Durch den Gebäuderücksprung wird die reiche Vorgeschichte Schömbergs thematisiert. So entsteht ein angemessener Rathausplatz, der als attraktiver städtischer Raum mit hoher Aufenthaltsqualität für alle Schömberger Bürgerinnen und Bürger geschaffen wird.

Ziel ist die Aufwertung der stadträumlichen Situation und die gewünschte Präsenz des Rathauses im Stadtraum. Aus diesem Grund schlagen wir vor, die Maßstäblichkeit und Typologie der mittelalterlichen Stadt fortzuführen und nicht durch einen zu großen Solitär zu brechen. Der neue Stadtbaustein fügt sich sensibel ein, respektiert die örtlichen Gegebenheiten und setzt diese fort. Das neue Rathaus soll sich wie selbstverständlich in die Morphologie der Stadt Schömberg einfügen und dennoch seine besondere Stellung kenntlich machen. 

Ebenso bedeutend ist die Ausbildung des städtischen Freiraums hinsichtlich seiner Maßstäblichkeit, Verknüpfung, Nutzung und Öffentlichkeit bzw. Privatheit.

 
NRS Lageplan M500
Rathaus Schömberg Grundriss Erdgeschoss
Rathaus Schömberg Grundriss Erdgeschoss
Rathaus Schömberg Grundriss Obergeschoss
Rathaus Schömberg Grundriss Obergeschoss
Rathaus Schömberg Grundriss Obergeschoss 2
Rathaus Schömberg Grundriss Obergeschoss 2
Rathaus Schömberg Grundriss Dachgeschoss
Rathaus Schömberg Grundriss Dachgeschoss
Rathaus Schömberg Grundriss Untergeschoss
Rathaus Schömberg Grundriss Untergeschoss

Freiraum

Die gesamten Außenanlagen werden als Ganzes betrachtet und entsprechend zusammenhängend gestaltet. Die durchgehende Materialität der Bodenbeläge aus ortstypischem Naturstein harmoniert mit der Stampflehmfassade des Erdgeschosses des Rathauses.  So entsteht ein Ensemble, dessen Zusammengehörigkeit durch die homogene Materialität lesbar wird. In diese homogene Oberfläche des öffentlichen Platzes ist ein Feld eingeschnitten, das neue Bäume und Sitzgelegenheiten integriert. So entsteht ein attraktiver Außenraum, der die Öffentlichkeit, die RathausmitarbeiterInnen und die BürgerInnen Schömbergs zum Verweilen einlädt.

Der Rathausplatz wird in zwei Nutzungsbereiche gegliedert. Mobilität und Kommunikation. Beide Bereiche werden durch eine ganzheitliche Gestaltung und straßenbegleitende Begrünung miteinander verbunden. Dadurch entsteht ein attraktiver Aufenthaltsort, der als öffentlicher Rathausplatz fungiert. Bei der Gestaltung wird der bestehende Versiegelungsgrad verringert und durch die Wiederverwendung von Baustoffen ein klimafreundlicher Raum geschaffen.

Die Rathausgasse ist geprägt durch Mauern, Garagenbauwerke und private Grundstücksgrenzen. Wir schlagen vor, die Rathausgasse durch die Einbindung von Kleinbauwerken zu verbinden und klarer zu strukturieren. Dazu soll eine Mauer aus wiederverwendeten Steinen als Raumkante und Orientierungspunkt dienen. Eine überdachte Fläche für Fahrradstellplätze verbindet die Garage mit der Mauer.

 

Erschließung und Organisation

Das neue Rathaus öffnet sich im Erdgeschoss bürgerfreundlich nach außen und ermöglicht an der Rathausgasse den gewünschten barrierefreien Zugang. 

Es soll ein Ort für die Bürger von Schömberg sein, die mit ihren Anliegen offen und einladend in den Räumlichkeiten empfangen werden. Folgerichtig wurde der Haupteingang zum Bürgerbüro am neu gestalteten Rathausplatz angelegt. An der Infotheke werden die Bürger zum Wartebereich der Bürgerbüros weitergeleitet. Die Rathausgasse ist Teil des Erdgeschosses. Hier befindet sich der Eingang zum Rathaus, der sich bewusst aus dem prominenten Platz zurücknimmt und als halböffentliche Adresse fungiert. Als repräsentativer Raum öffnet sich der Trausaal zum Platz hin und empfängt Besucher und Hochzeitsgäste im Rathaus. Die gewünschte übersichtliche und funktionale Erschließungsstruktur wird durch die beiden Treppenkerne gewährleistet. Die unabhängige Nutzung des künftigen Sitzungssaals sowie die barrierefreie Erschließung aller Ebenen werden vom Foyer aus sichergestellt. Die Verwaltungsflächen im neuen Rathaus befinden sich in den ersten beiden Obergeschossen und sind, wie gewünscht, zu Beginn als Einzelbüros gegliedert. Die vorgesehene Holzskelettstruktur ermöglicht ein flexibles Gebäudesystem für die Zukunft und kann beispielsweise „offenes Arbeiten“ abbilden. Der Sitzungssaal, der überwiegend für Gemeinderatssitzungen genutzt werden soll, ist wie gewünscht im dritten Obergeschoss verortet und über den Foyerbereich für vielfältige kommunale Nutzungsoptionen bespielbar.

Klimagerechte Architektur

Der Rathausneubau soll als Referenzprojekt für nachhaltiges, klima- und kreislaufgerechtes Bauen dienen. 

Das Rathaus und die Freianlagen werden aus natürlichen Rohstoffen sowie teilweise aus wiederverwendeten und/oder wiederverwerteten Baumaterialien ressourcenschonend konstruiert. Die Verwendung von Naturbaustoffen schafft zudem eine gute, gesundheitsfördernde Atmosphäre für alle NutzerInnen. 

Es wird mit reversiblen Verbindungen und rezyklierbar konstruiert. 

Spätere Optionen zur Nachnutzung und Weiterverwendung wurden von vornherein berücksichtigt: Das Gebäude ist als Holzskelettbau konstruiert und auch räumlich so konzipiert, dass es im Laufe möglicher Nutzungszyklen an neue Anforderungen und Wünsche angepasst, umgebaut und ergänzt werden kann. Veränderung und Aneignung durch und mit den Nutzer:innen sind ausdrücklich erwünscht. Für einen späteren Rückbau sind die Konstruktionen reversibel gefügt und sortenrein trennbar. Bauteile und -materialien können am Ende eines Nutzungszyklus einzeln zerlegt und wieder dem Kreislauf zugeführt werden, sodass sie an anderer Stelle eine neue Nutzung erfahren.

Materialität und Konstruktion

Um dem Anspruch der NutzerInnen nach einem ressourcenschonenden und nachhaltigen Gebäude gerecht zu werden, planen wir einen Holzskelettbau, dessen Holzfassade in den oberen Geschossen nach außen hin sichtbar ist. Ein Holzskelettbau ist hochflexibel, da er nur wenige aussteifende Wände erfordert und sich somit auch künftig ändernden Nutzungswünschen oder -erfordernissen spielerisch anpassen kann. Wir schlagen einen Neubau in einer ausgewogenen Kombination aus traditioneller Holzbauweise und vorgefertigten Fassadenelementen in Holzrahmenbauweise vor.

Im Erdgeschoss schlagen wir die Verwendung von vorgefertigten Stampflehmelementen im Fassadenbereich vor. So werden ganze Bauteile später selbst wieder zur Ressource. Um die Wärmeleitfähigkeit der Außenwände zu verringern, weisen die Lehmelemente einen zweischaligen Wandaufbau mit Kerndämmung auf. Die graue Energie beträgt bei Herstellung, Verarbeitung und Rückbau von Lehm praktisch null. Am Ende seines Lebenszyklus kann dieses Material die Baugrube wieder auffüllen.

Durch den Einsatz einer Holz-Lehm-Verbunddecke aus rezyklierbaren Materialien (Dreischichtplatte, leimfreier Vollholzträger, Lehmausfachung) wird einerseits die aussteifende Wirkung der Deckenscheibe und andererseits der notwendige Brandschutz gewährleistet. Zusätzlich sorgt die Lehmausfachung durch ihre Masse in Verbindung mit dem Bodenaufbau für die Einhaltung der Luftschallvorgaben. Weiterhin erzeugt sie durch die feuchteregulierende Wirkung des Lehms ein angenehmes Raumklima und schützt das Holz vor Feuchte.

Die vollautomatische Vorfabrikation der Deckenelemente ermöglicht eine konsistent hohe Produktqualität zu einem wettbewerbsfähigen Preis. Da die Deckenelemente keine Trocknungszeit benötigen, sind sie direkt einbaubar. Dadurch ist ein schneller und kontinuierlicher Baufortschritt möglich. Durch die Vorfabrikation des Holzbaus und die konsequente Rasterung und Repetition über die Geschosse hinweg ist eine schnelle, ökologische und kostenoptimierte Bauweise möglich. Die kompakte Flächenorganisation und die daraus resultierende optimierte Fassade ermöglichen eine wirtschaftliche Holzbauweise. Auch dies ermöglicht einen hohen Vorfabrikationsgrad und eine wirtschaftliche Realisierung. 

Reversibilität und Nachhaltigkeit des Tragwerks

Die Verbindung der Decken-, Balken- und Stützenelemente erfolgt nach dem Prinzip des Steckkastens. Durch das Auflegen der Bauteile wird die Anzahl der erforderlichen Stahlverbindungsmittel reduziert. Darüber hinaus lassen sich diese Verbindungen bei einem möglichen Rückbau mit wenig Aufwand wieder trennen. Auf schlecht wieder zu trennende Verbundbaustoffe wird weitgehend verzichtet. So wird beispielsweise von einer primärenergieintensiven Dämmung unterhalb der Bodenplatte abgesehen. Zudem kann die Holz-Lehm-Verbunddecke einfach demontiert, in ihre Einzelteile zerlegt und der Wiederverwendung zugeführt werden. Die Deckenkonstruktion emittiert 80 % weniger Treibhausgase als vergleichbare Stahlbetonkonstruktionen.

Nachhaltigkeit und Energiekonzept

Die technische Aufrüstung zu „intelligenten Gebäuden” und die Verwendung oftmals ökologisch fragwürdiger Dämmmaterialien in übermäßigem Umfang führen nicht zu langlebigen und energetisch nachhaltigen Bauten. Eine dem Klimawandel gerecht werdende Architektur nutzt und reguliert mit typologischen, konstruktiven und thermischen Strukturen die jeweiligen klimatischen Bedingungen.

Mit der beschriebenen Konstruktion soll dem Nachhaltigkeitsanspruch durch die explizite Langlebigkeit einer zeitlosen, vertrauten, natürlichen und robusten Materialität begegnet werden. Hochwertige, ökologisch zertifizierte und solide Materialien in einfacher mechanischer und manueller Ausführung gewährleisten die Nachhaltigkeit und wirken sich somit ebenfalls positiv auf die künftigen Betriebs- und Unterhaltskosten aus. Die Dachfläche ist als solares Klimadach geplant und ermöglicht eine flexible Bespielung durch Solarziegel, was zu einer positiven Energiebilanz führt.

Durch die Nutzung der Decken als Speichermasse und einer natürlichen Nachtauskühlung ist der thermische Komfort auch im Sommer gewährleistet. Die Einfachheit und Klarheit der Struktur erlaubt eine Kombination aus mechanischer und natürlicher Belüftung. Das übergeordnete Ziel des Energie- und Nachhaltigkeitskonzepts ist ein hochleistungsfähiges Gebäude mit maximaler natürlicher Belüftung, optimiertem Innenkomfort und geringem Energieverbrauch.

 

Bild Innenraum Bürgerbüro
Bild Innenraum Bürgerbüro
Bild Außen Abend
Bild Außen Abend