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Zirkuläres Bauen: Bauen aus dem, was schon da ist

Der Bausektor ist kein Nebenschauplatz der Klimafrage, sondern ihr Zentrum. Rund 40 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland entstehen durch Bau und Betrieb von Gebäuden. Etwa 38 Prozent des gesamten Rohstoffkonsums entfallen auf Gebäude und Infrastruktur — jährlich rund 500 Millionen Tonnen. Und mehr als die Hälfte des jährlichen Abfallaufkommens stammt aus dem Bauwesen.

Solange wir Gebäude nach dem Prinzip „herstellen, nutzen, wegwerfen“ planen, sind diese Zahlen nicht zu korrigieren. Zirkuläres Bauen ist deshalb für uns keine Zusatzqualifikation und kein Label, sondern die Grundlage unserer Arbeit: Wir entwerfen so, dass Material seinen Wert behält — über die Lebensdauer eines Gebäudes hinaus.

Erstens: Der Bestand hat Vorrang

Das wirksamste zirkuläre Bauteil ist das, das bereits steht. Von den drei Ansätzen des zirkulären Bauens — Bestand erhalten, Ressourcen wiederverwenden, ressourcenschonend entwerfen — hat der erste die größte und vor allem die unmittelbarste Wirkung: Sie tritt heute ein und nicht erst beim Rückbau in fünfzig Jahren.

Unser Leitsatz lautet daher: Sanierung vor Abriss. Vor jedem Entwurf steht die Frage, ob ein Neubau überhaupt nötig ist. Wir prüfen den Bestand systematisch — Bestandsaufnahme und Baudiagnose, ein bilanzieller Variantenvergleich von Material- und Treibhausgasaufwand, wo sinnvoll mit CO₂-Schattenpreis. Ergibt der Vergleich, dass der Bestand tragfähig ist, bauen wir ihn um, statt ihn zu ersetzen.

Das ist nicht nur eine ökologische Rechnung. Bestand trägt kulturelle, soziale und atmosphärische Werte, die ein Neubau nicht herstellen kann. Wir nennen das die „goldene Energie“ eines Ortes — sie zu erhalten, ist ein Entwurfsziel, kein Nebeneffekt.

Zweitens: Wiederverwendung vor Recycling

Wo gebaut oder rückgebaut wird, ist der Bestand zugleich Materiallager. Bevor ein Bauteil zerkleinert und zu Sekundärrohstoff wird, prüfen wir, ob es als Bauteil weiterleben kann. Grundlage dafür ist das Pre-Demolition-Audit nach DIN SPEC 91484: ein Bauteilinventar, das erfasst, was schadstofffrei, demontierbar und wieder einsetzbar ist. Daraus entsteht ein Wiederverwendungskonzept — bevorzugt am Ort selbst, sonst über Bauteilbörsen.

Wir benennen dabei offen, was noch schwierig ist. Für wiederverwendete Bauteile gibt es kein allgemeingültiges Vorgehen bei Gewährleistung und Haftung; bei Bauteilen mit hohen Anforderungen, etwa Brandschutztüren, ist besondere Sorgfalt geboten. Rückgebaute Fenster und Türen erfüllen häufig nicht das GEG und finden ihren Platz eher in einer zweiten Fassadenschicht oder im Innenausbau. Diese Grenzen zu kennen, gehört zur Planungsleistung — sie sind kein Argument gegen den Ansatz, sondern gegen dessen naive Anwendung.

Drittens: Entwerfen für den Rückbau

Was wir neu bauen, bauen wir so, dass es sich wieder auseinandernehmen lässt. Konkret heißt das: Schrauben statt Kleben. Sortenreine, möglichst monomaterielle Aufbauten. Schichten mit unterschiedlicher Lebensdauer bleiben zugänglich, damit die kurzlebige nicht die langlebige mit in den Abfall zieht. Grundrisse und Tragwerke werden so angelegt, dass sich die Nutzung ändern kann, ohne dass die Substanz infrage steht — Umnutzungsfähigkeit ist bei uns eine Grundanforderung, keine Option.

Holz ist dabei unser Material der Wahl — nicht als Geste, sondern weil es die Anforderungen der Kreislaufwirtschaft am besten erfüllt: nachwachsend, aus regionaler Forstwirtschaft beziehbar, in der Herstellung emissionsarm, konstruktiv präzise vorzufertigen und mit lösbaren Verbindungen zerstörungsfrei rückbaubar. Wir setzen bevorzugt Konstruktionsvollholz statt verklebter Holzwerkstoffe ein und vermeiden Holzschutz- und Bindemittel, die eine spätere Wiederverwendung oder Kompostierung verhindern. Ergänzt wird das durch Materialien mit demselben Prinzip: Lehm, der durch seine Wasserlöslichkeit ohne Wertverlust rückgewinnbar ist, biobasierte Dämmstoffe, R-Beton dort, wo mineralisch gebaut werden muss.

Zirkularität ist eine Planungsleistung, keine Materialliste

Der entscheidende Punkt wird oft übersehen: Zirkuläres Bauen wird nicht in der Ausschreibung entschieden, sondern ganz am Anfang. Wer erst in der Ausführungsplanung nach Sekundärbaustoffen sucht, kommt zu spät.

Wir verankern Zirkularität deshalb bereits in der Bedarfsplanung und Grundlagenermittlung — dort, wo über Neubau oder Bestand, über Flächenbedarf und Nutzungsdauer entschieden wird. Der Zusatzaufwand dafür wird offen benannt und budgetiert, statt ihn stillschweigend im Honorar zu verstecken. Über die Leistungsphasen hinweg wächst daraus ein Bauteilkatalog mit Schichtaufbauten, Lebensdauern und Verbindungsarten, aus dem sich Ökobilanz, Gebäuderessourcenpass und ein Zirkularitätsindex ableiten lassen. Wir führen diese Daten im BIM-Modell mit — als digitalen Zwilling, der auch dann noch Auskunft gibt, wenn das Gebäude in dreißig Jahren umgebaut wird.

Damit ist Zirkularität überprüfbar. Uns ist wichtig, dass sie es ist: Eine Nachhaltigkeitszertifizierung setzt Anreize, garantiert Kreislauffähigkeit aber nicht — ein Siegel lässt sich auch über andere Qualitäten erreichen. Wir adressieren zirkuläres Bauen deshalb parallel zur Zertifizierung, unabhängig davon, ob ein Projekt nach QNG, BNB oder DGNB bewertet wird.

Was das wirtschaftlich bedeutet

Wir reden nicht darum herum: Betrachtet man allein die Herstellungskosten, bedeutet zirkuläres Bauen heute oft einen Mehraufwand. Die Planung ist aufwendiger, geeignete Materialien sind nicht immer günstiger.

Über den Lebenszyklus dreht sich das Bild. Lösbare Verbindungen senken die Instandhaltungskosten. Rückbaubare Bauteile lassen sich verkaufen statt teuer entsorgen. Eine recyclinggerechte Konstruktion kann über den Lebenszyklus rund ein Viertel der Kosten gegenüber konventioneller Bauweise einsparen (WWF Deutschland, 2022). Hinzu kommen Vorteile bei Förderung und Finanzierung: QNG-Anforderungen, EU-Taxonomie, Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Und der Rahmen verschärft sich. Die novellierte EU-Gebäuderichtlinie macht die Ökobilanz für öffentliche Neubauten über 1.000 m² ab 2028 und für alle Neubauten ab 2030 verpflichtend. Wer heute noch linear plant, plant für ein Regelwerk, das in wenigen Jahren nicht mehr gilt.

Im Dialog mit dem Ort

Zirkuläres Bauen führt zu einer anderen Art zu entwerfen. Nicht mehr vom weißen Blatt, sondern aus dem heraus, was vorhanden ist: dieser Bestand, diese Bauteile, dieses Material, dieser Ort. Das ist zunächst eine Einschränkung — und es ist genau das, was unsere Architektur ausmacht. Ressourcenschonend, klimagerecht und ästhetisch sind für uns keine konkurrierenden Ziele. Sie sind dasselbe Ziel.